Jeden Morgen tauche ich kopfüber in eine Buchstabensuppe.

Meine Welt besteht aus Buchstaben. Ich sehe sie überall. Wenn sich am Himmel

die Kondensstreifen zweier Flugzeuge kreuzen, leuchtet ein X. Wenn Regentropfen

in Pfützen fallen, kreiselt ein O. Die Sandstein-Pfeiler der Brooklyn-Bridge in New York bilden ein M und ein Windrad dreht sich im Sekunden-Takt zum Y. Ich liebe den Prozess, wenn Buchstaben sich aneinanderreihen, Wörter ergeben und daraus Sätze entstehen. Euphorisch werde ich, wenn die Sätze so krass und weich aufeinanderprallen wie Biker-Boots und Kleidchen.

 

Schon als kleines Mädchen habe ich Buchstaben mit Stöcken in den Sand gemalt. Das war der Beginn meiner Liebe zu beschreibbaren Flächen, jeglichem Werkzeug, das Schrift ermöglicht, und der Schrift selbst. Aus dem Schreibtisch meines Vaters habe ich Papier stibitzt, die Seiten mit einem Tacker zusammengeheftet und mit Geschichten gefüllt. Mein erstes Buch bekam mein Opa zum Geburtstag. Ich war

elf Jahre alt und das Werk umfasste exakt vier eng beschriebene Seiten.

 

Anke Weber,

Jahrgang 1967, lebt im niedersächsischen Aller-Leine-Tal bei Hannover. Um Menschen, deren Geschichten und das Schreiben hat sich das Leben der Autorin schon immer gedreht. Nach einem Sozialpädagogik-Studium perfektionierte sie ihr Berufsbild und wurde Journalistin. Viele Jahre war sie Redakteurin beim Radio. Heute schreibt die Autorin Kolumnen über ihr geliebtes Landleben für die Zeitung und vor allem Geschichten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Anke Weber liebt Hundepfoten-Geruch und die Magie von Notizbüchern.